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Autor: IRMTRAUD KOCH | 02.08.2012

Die Gaildorfensien der Heike Walter

 Zum zweiten Mal in diesem Jahr besuchte Heike Walter, Ex-Stadtmalerin 2011, ihr geliebtes Gaildorf. Diesmal brachte sie einen Stapel ihrer "Gaildorfensien" mit, der sich während ihres Aufenthaltes ständig vergrößerte: Die Künstlerin porträtierte charakteristische Gebäude und Straßenzüge der Stadt. Als Vorlage dienten ihr eigene Fotos, deren Motive sie nach Lust und Laune mit Zufügungen oder Weglassungen zeichnerisch verarbeitete und mit Wasserfarbe und Schellack kolorierte, patinierte und verfremdete.

Schon in Berlin hatte sie Ende Mai, Anfang Juni diese Studien begonnen, die sie während ihres einmonatigen Besuchs in Gaildorf fortsetzte. Das ehemalige Stadtmaleratelier - Heinrich Knopf (1997) und Sabine Arnold (1998) hatten es noch genutzt - diente ihr dabei als Werkraum.

Die Künstlerin ist über die Baulichkeiten Gaildorfs hinaus fasziniert von der ARWA, dem Stellenwert, den dieser Strumpf-Betrieb von Weltruf Anfang der 1950er- bis Anfang der 1970er-Jahre besaß. Inspiration und Vorlagen für Zeichnungen fand Walter im Material eines Privatarchivs.

In einer Ausstellung im Caféraum und im "Hochsitz" des Kaffeehauses am Schloss kann man ihre Arbeiten besichtigen. Als IG-Kunst-Mitglied Karl Berger - der das bauliche Werden und Vergehen diverser Orte, auch Gaildorfs, in Zeichnungen festhält - auf der Vernissage der Künstlerin gratulierte, rief sie ihm lachend entgegen: "Nie wieder Fachwerk!". Aber "never say never": Beim Spaziergang durch das Gaildorf der Heike Walter entdeckt man mehr Fachwerk, als einem je im echten Gaildorf auffallen würde, da man - die Augen auf Schaufensterhöhe - durch den Ort eilt im Bemühen, sein nachlässig geparktes Auto schneller zu erreichen als der Ordnungshüter und dabei wie ein gejagter Hase trachten muss, die Kanzleistraße zickzackend und lebend zu queren.

Nichts von alledem im Walterschen Gaildorf: Das Städtchen und seine Fahrzeuge schlummern biedermeierig knuddelig vor sich hin. Beim Betrachten des Kaffeehaus-Porträts - der einzigen nach der Natur und in Litho-Kreide gefertigten Zeichnung - zieht einem gar ein "Knusperknusperknäusle" durch den Denkapparat. "Absicht", strahlt die Künstlerin. Sie spielt hier mit den Klischees der heilen Welt, die bei ihr in einer Patina von trübem Ocker dahingilben sollen.

In der Ausstellung hängt übrigens auch Heike Walters Zeichnung vom Neuen Schloss beziehungsweise Rathaus, die vom Gemeinderat angekauft wurde als Geburtstagsgeschenk zum Sechzigsten von Bürgermeister Ulrich Bartenbach (wir haben berichtetet).




Autor: KLAUS MICHAEL OSSWALD | 27.07.2012

 Eine Quelle der Inspiration

Gaildorf lässt Ex-Stadtmalerin nicht los

Gaildorf.  Heike Walter Gaildorfs Stadtmalerin Nummer elf, deren Stipendium abgelaufen ist, hat sich in Gaildorf offensichtlich richtig wohlgefühlt. Die Ausstellung wird am Freitagabend um 18 Uhr eröffnet.

Heike Walter fühlt sich noch immer sehr wohl an dem Ort, an dem sie ein Jahr lang das öffentliche Leben der kleinen Stadt am Kocher durch ihre Kunst und ihre ungekünstelt gute Laune mitgeprägt hat. Heute Abend, 18 Uhr, eröffnet sie eine kleine Ausstellung im Kaffeehaus am Schloss.

Ein echtes Walter-Werk für den Bürgermeister

Dass sie Bleibendes hinterlassen hat, ist unstrittig, im übertragenen wie im Wortsinn. Davon ist zweifellos auch der Gemeinderat angetan, hat er doch dem Bürgermeister zum Sechzigsten ein echtes Walter-Werk geschenkt. Darin verarbeitet sind dienstliche Örtlichkeiten wie Rathaus und Wurmbrandsaal, Tagungslokal des Gemeinderats.

An dieser altehrwürdigen Stätte schritten nun am Mittwochabend die beiden ehrenamtlichen Stellvertreter von Ulrich Bartenbach, Dr. Ulrich Bauer (Freie Wähler) und Günther Kubin (CDU), gemeinsam mit dem kunstsachverständigen SPD-Stadtrat Martin Zecha zu Gratulation und Geschenkübergabe - etwas verspätet, weil der Geburtstagsjubilar seinen Ehrentag - für Chronisten: Es war der 17. Juli - in aller Ruhe begehen wollte.

Martin Zecha, der mit launigen Worten dieses passende Geschenk des Gremiums kommentierte, nannte dabei auch ein scheinbar unwesentliches Detail: Das Ruhebänkle im Schlosspark etwa sei eigentlich aus einem Klecks am unteren Bildrand entstanden. Die Künstlerin habe um diesen herum kurzerhand das Sitzmöbel eingefügt. Der schlagfertige Martin Zecha erkannte darin auch einen Fingerzeig, den er flugs als wohlmeinenden Rat deutete: Möge Rathauschef Bartenbach "nichts auf die lange Bank schieben"!

Für große Aufmerksamkeit nach dem öffentlichen Teil der Ratssitzung sorgte ein weiteres Werk Heike Walters, das nun - wie es das Stadtmaler-Stipendium vorsieht - ins Eigentum der Stadt übergeht: Ein farbenprächtiges Werk mit vielen Motiven aus Gaildorfs Vergangenheit und Gegenwart: Das Alte Schloss mit Stadtwappen als (freigelegtes) Herz des Gemeinwesens, Stadtkirche und Kocher und Stadtwappen, Pferdemarkt und Kunst, Schule - und natürlich ihre heiß geliebte Bügelflasche der Brauerei Häberlen, die viele ihrer Werke ziert.

Superfrosch zum Schmustier geschrumpft

Ein echter Hingucker ist auch das heimliche Gaildorfer "Wappentier", der vor Jahrmillionen hier heimisch gewesene und 1828 erstmals im Zentrum des Limpurger Landes nachgewiesene, mehr als fünf Meter lange Superfrosch Mastodonsaurus. Dieses ausgestorbene Gaildorfer Urzeit-Viechle ist durch Heike Walters Hand zum Schmusetier geschrumpft, sozusagen zum "Lurchi", wie Kinder dazu zu sagen pflegen.

Das Bild, in dem auch die Künstlerin - mit Narrenkapp angetan - verewigt ist, scheint allerdings nicht nur ein Werk von kunst- und kulturhistorischem Wert zu sein. Man kann es auch, ganz pragmatisch gesehen, als Fingerzeig an die Adresse aller Gaildorfer interpretieren: Die Stadt hat vieles, mit dem sie Staat machen könnte, Potenziale, die nur noch (und mit überschaubarem Aufwand) erschlossen werden müssen. Heike Walter hat die Spur gelegt.


GERLINDE BURKHARDT | 22.11.2011

Schön war die Zeit   

Gaildorf.  So etwas habe die IG Kunst bei ihren Vernissagen noch nicht gehabt, sagte ihr Vorsitzender Schwarz mit Blick auf Albrecht Gschwindt und Uwe Schneider. Die Musiker stahlen der Stadtmalerin fast die Show.

Sein Regieplan sei durch den verfrühten Einsatz der "Stimmungsmusik" und den - spontan? - von Martin Zecha organisierten "Einmarsch" einiger Werke der Künstlerin etwas durcheinandergeraten, meinte Manfred Schwarz im Auftakt-Trubel wieder Orientierung findend. Den eher allgemein gehaltenen Worten des Vorsitzenden der IG Kunst folgten Interims-Stadtoberhaupt Ulrich Bartenbachs Stellung nehmende Ausführungen als "Arbeitgeber". "Stets zur vollsten Zufriedenheit" könnte man seine Laudatio von seitens der Stadt interpretieren mit erwartungsvollem Seitenblick auf die neue Stadtmalerin Daniela Weber. Für sie liegt die Messlatte nun ziemlich hoch.

Für Heike Walters Fleiß, ihre Freundlichkeit aber auch dafür, dass sie Teile ihrer Verkaufserlöse für soziale Zwecke wie die Initiative Gaildorf hilft Afrika zur Verfügung stellte, sprach er seine Anerkennung aus. Zuvor hatten die beiden Musiker mit ihrem Italo-Medley das Publikum aufgemischt. Leidenschaftlich, unbefangen sang Uwe Schneider perfekt schrift-italienisch Adriano Celentano auf der Spur und Albrecht Gschwindt spielte noch eine Spur leidenschaftlicher eins mit seinem Akkordeon. Den Percussion-Part erledigte er gleichzeitig mit seinen Stiefelabsätzen auf dem Resonanzkasten des Parkettpodests.

Den Werdegang der Künstlerin und ihre rasante Fortentwicklung von der "Zeichnerin zur malenden Zeichnerin" während ihrer Zeit in Gaildorf schilderte Martin Zecha in seiner Einführung. Von anfänglichem "Kreuz- und Quer- Studieren" zum abschließenden doppeltem, jeweils mit Auszeichnung bestandenen "Master of European Fine Art"-Abschluss, und von der Bewerbung mit zeichnerischen schwarz- weiß-Tagebüchern bis zur Abschlussausstellung mit überwiegend knallbunter Malerei. In der Stadtbücherei habe sie sich das Buch ausgeliehen "Wie male ich Öl" und mit neuerlicher Lektüre von "Das Kochbuch der Ölmalerei" wolle sie diesen Weg auch zukünftig weitergehen. Nicht nur sie hinterlässt Spuren, auch Gaildorf in ihr.

Anhand einer "Schachtelwelt"-Collage wies Zecha auf die vielen Gaildorf-Symbole hin, den intensiven Bezug zur Stadt und ihren teilweise porträtierten Menschen, wobei die Bügelflasche der hiesigen Brauerei eine herausragende Stellung einnimmt. Zecha bediente sich dazu eines Zitats des RUNDSCHAU-Berichts: "Was für Raphael die Putten, sind für Heike die Häberlen-Flaschen." So wurde dann beim anschließenden drangvollen Bummel durch die Ausstellung mehrheitlich nicht Sekt geschlürft, sondern man genehmigte sich genussvoll ein Bierchen. Vielen, die Heike Walter in Gaildorf kennengelernt haben, einige gesellten sich auf die Bühne, sprachen die Musiker mit ihrem letzten Lied aus dem Herzen: "Schön war die Zeit."



KARL-HEINZ RÜCKERT | 13.09.2011

Was für Raffael die Putten waren ...

Ausstellung : Heike Walter,  Gaildorfer Stadtmalerin Nr. 11, zeigt Ölgemälde im Häberlen

Gaildorf.  Mit einer Vernissage zur Gemäldeausstellung von Stadtmalerin Heike Walter hat am Freitag die Saison in der Gaildorfer Kulturschmiede begonnen.

Die Kulturschmiede im Häberlen wird künftig freitags geöffnet sein und an diesem Tag auch zu einem Künstlerstammtisch einladen. Darauf wies Carola Kronmüller von der Kulturschmiede hin, als sie die Gäste begrüßte, die zur Eröffnung der Ausstellung von Heike Walter erschienen waren.

Der Ölmalerei hat sich die amtierende, elfte Gaildorfer Stadtmalerin erst vor drei Monaten verschrieben. Davor liegen zwanzig Jahre professionelles künstlerisches Arbeit. Kurz und knapp umriss Martin Zecha von der IG Kunst die Schaffensperioden von Heike Walter.

Studien in Philosophie, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften standen am Beginn ihrer Künstlerkarriere. Den Grundstein dazu legte die Malerin mit Kunststudium und Diplom an der Bremer Hochschule für Künste. Mit einem Masters of Arts in Barcelona, einem Stipendium in Southhampton und in unzähligen internationalen Ausstellungen perfektionierte Heike Walter ihr künstlerisches Fach und erwarb große Anerkennung. Seit 2000 engagiert sie sich auch im Berliner "Kulturpalast Wedding".

Druckgrafik und Zeichnen bestimmten den Wechsel hin zur konzeptionellen Kunst. Was die Künstlerin darunter versteht, verriet Martin Zecha: Heike Walter führt ein Tagebuch, unterteilt in 40 Kategorien aus Aktivitäten und Befindlichkeiten. Je nach Intensität und Wertigkeiten entstehen dazu Farben und Töne, die in Skulpturen, Karten und Bücher umgesetzt werden.

Auch die Gaildorfer Jury war von den Ideen beeindruckt, als Heike Walter für das Stadtmaler-Stipendium ausgewählt wurde - "es war ein guter Griff!"

Die in der Kulturschmiede ausgestellten Bilder zeugen auch von einer gewissen selbstironischen Sicht der Künstlerin. In witzigen Selbstportraits im Stil der Werbung der 50er- und 60-er Jahre stellt sie sich auch als Flasche vor. Apropos Flasche: Zecha entdeckte, dass in allen ausgestellten Werken irgendwo eine Häberlen-Flasche auftaucht. Hinter einem Aufbau aus Bierkästen als Pultersatz, deutete er dies so: "Was für Raffael die Putten, ist für Heike die Häberlenflasche."

Wenn Zecha damit auch Heiterkeit im Publikum hervorrief, traf er doch die Darstellungen in den ausgestellten Bildern. Entwickelte und abgeschlossene Werke werden von Heike Walter neu zusammengefügt, wodurch sich Einflüsse von der Kunst des Mittelalters bis in die Moderne ergeben. Respektlos habe die Malerin eine neue Tür aufgestoßen, so Zecha überzeugt: "Du wirst Deinen Weg gehen!"

Info Die Bilder, die Heike Walter im Häberlen zeigt, können auch gekauft werden. Zehn Prozent aus dem Verkaufserlös spendet die Stadtmalerin der Aktion "Gaildorf hilft Afrika".


  RICHARD FÄRBER | 08.09.2011

  Stadtmalerin Heike Walter zeigt neue Ölgemälde

Mit Dürer im Tattoo-Studio

Gaildorf.  Heike Walter, die elfte Gaildorfer Stadtmalerin hat den Zeichenstift gegen den Pinsel getauscht. Ab Freitag zeigt sie die Ergebnisse im Häberlen.

"Das Schimpfwort lautet Eklektizismus" sagt Heike Walter über den Malstil, den sie seit Juli i ihrem Atelier im Alten Schloss in Gaildorf entwickelt hat und pflegt. Heißt: Sie macht nichts Neues. Die elfte Stadtmalerin bedient sich tradierter, auch historischer Stilmittel, und das tut man nicht, zumindest nicht in bestimmten Kreisen. Auch dass sie bisweilen Fotografien als Vorlage für ihre Ölgemälde verwendet gilt, kunstakademisch-dogmatisch genommen, als unstatthaft, wo nicht unanständig.

Der Stadtmalerin ist das Jacke wie Hose. Nicht die Nachahmung, die Geistesverwandtschaft bringt ihre Kunst zum Blühen, und große Namen schrecken sie nicht. Renaissancemeister wie Holbein, Raffael und Dürer - vor allem Dürer, der, meint Heike Walter, heute wohl ein Tattoo-Studios betreiben würde ("und ich würd ihm dabei helfen") - sind ihre Begleiter auf dem Weg zum Bild. Mit Skizzen nach Renaissance-Portäts hat sie begonnen, die sie probe- und stellenweise kolorierte, ehe sie die erste Leinwand aufspannte und zur Farbtube griff.

Ihre Renaissance-Genossen sind, zumal in den großen Gemälden, allgegenwärtig: In Gesten und Haltung der abgebildeten Personen, in Fischen und Fabel-Untieren, Gegenständen, der Bildarchitektur. Die Gemälde gleichen Traumlandschaften, sie sind irreal und voller Geschichten, Symbole und Beobachtungen die ineinander verwoben sind und wohl nicht von ungefähr an die Leipziger Schule erinnern.

Das Limpurger Land ist übrigens allgegenwärtig. Beispielsweise durch die Verschlussbügel der Häberlen-Flaschen. Die könne sie, grinst Heike Walter, mittlerweile aus allen Perspektiven malen - wie weiland Raffael seine Putten, die selbstredend ebenfalls durch einige ihre Bilder schwirren.

Ihre ganz großen Bilder wird Heike Walter bei ihrer Ausstellung im Häberlen nicht zeigen. Sie habe kleinere Leinwände bestellt, die für die Räumlichkeiten besser geeignet seien, sagt sie. Dominieren wird das Porträt, das Selbstporträt zumal, im Wortsinn aufgebrezelt oder, zur Erinnerung an die Fünziger-Jahre-Emaille-Werbeschilder, mit Häberlen-Bügelflaschenmütze. Zwei der Bilder habe man ihr quasi schon unterm Pinsel weggekauft, sagt sie, die anderen seien aber noch zu haben. Zehn Prozent der Einnahmen kommen der Aktion "Gaildorf für Afrika" zugute.


IRMTRAUD KOCH | 16.03.2011

"Keine Sekunde allein"

Gaildorf.  Das "offene Atelier" der Gaildorfer Stadtmalerin Heike Walter lockte mit dem Charme eines Sammelkabinetts interessierte Besucher ins Alte Schloss. Auch ihr Künstlerfreund Henrik Jacob begeisterte.

 Der elften Gaildorfer Stadtmalerin Heike Walter bekommt das Dasein als "Schlossfräulein" offensichtlich. Zusammen mit ihrem Gast, dem Berliner Künstler Henrik Jacob, hatte sie schon letzten Sonntag genug Material und Motivation zusammengetragen, um zum "Tag des offenen Ateliers" zu laden. Kollegen - darunter frühere Stipendiaten wie Sumiko Shoji und Dirk Pokoj - und Kunstfreunde aus Gaildorf und Umgebung ließen sich nicht zweimal bitten. "Ab Zwei nach Elf war ich nahtlos keine Sekunde allein," erzählte nachmittags die Künstlerin strahlend, aber - nach nur vier Stunden Schlaf - auch mit etwas Müdigkeit im Gesicht. Die ersten Gäste kamen nämlich schon am Abend vorher.

Da war das Atelier noch lange nicht aufgeräumt. Den einen Raum hat die Stadtmalerin Henrik Jacob abgetreten, den anderen mit Eigenem eingerichtet. Die Ausstellung hatte den Charme eines verwirrend reichen Sammelkabinetts, in dem der Betrachter seinen ersten Bezugspunkt finden muss: In beiden Räumen Wände mit kleinflächigen Arbeiten dicht an dicht, die zu Betrachtung aus der Nähe aufrufen. Die zeichnerischen Skizzen Heike Walters verraten zum Teil ihre Liebe zu mittelalterlichen Gestaltungselementen wie Chimären und Fratzen als bauliche Schmuckelemente und Handschriften mit Initialen, die mit "lächerlichen Darstellungen wie ein auf dem Rücken liegender Hund" verziert sind. Daher entdeckt man auch in einer Ecke des Ateliers nebst einigen Dezimetern Poe, Umberto Ecos "Im Namen der Rose".

Einige Skizzen bannte die Künstlerin auf Papiermuster, die aus dem Haushalt des Vellberger Lügendoktors Basil von Leydelius stammen (weder Titel noch Adel stimmen, doch ist dies eine andere Geschichte). Insgesamt setzten sich die Besucher bei den Arbeiten Walters vor allem mit den Inhalten auseinander. Henrik Jacob, der neben Porträts "Alltägliches, möglichst Banales" darstellt, musste mehr Fragen zu angewandten Techniken, vor allem seiner Knete-Abziehbilder, beantworten. Jacob: "Die brauchen keine Signatur, mein Daumenabdruck steht vielfältig drauf".

 Rätselhafte Ausnahme: seine Edding-Buntstift-Skizze vom Kaffeehaus am Schloss, das im Cocktailglas steht und die Aufschrift "Betty Ford Clinic" trägt. Diese Darstellung, die schon in unserer Klatsch-Kolumne "So ebbes" angesprochen wurde, erklärt er so: "Die Abbildung der echten Klinik hängt da drüben als Knetebild. Ich fand den Kontrast zwischen dem ultramodernen Bau und dem Gaildorfer Fachwerk gut. Für ihre Verbindung muss man jedoch tief ins Glas gucken." - Für das Stadtmalerstipendium kommt er zu seinem eigenen Bedauern nicht in Frage. Er hat eine eigene Galerie und ist am Montag nach Berlin abgereist.


RICHARD FÄRBER | 10.03.2011

Schauen und Reden im Atelier

Gaildorf.  Die elfte Gaildorfer Stadtmalerin stellt sich vor: Am Sonntag lädt Heike Walter mit Gastkünstler Henrik Jacob zum Tag des offenen Ateliers.

Nummer elf zeichnet: Heike Walter, seit Januar amtierende Gaildorfer Stadtmalerin, hat, wie die meisten ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, das Sujet gewechselt: Statt wie in den letzten Jahren ihre Tagesformen zu Bildern zu transformieren, schürft sie Gaildorf-Bilder und -Themen: Pferde natürlich, Stadt-Impressionen, Herz-Studien nach Zeichnungen, die sie in einem alten Anatomiebuch gefunden hat - und irgendwie hat in der Beschriftung von Herzschlagadern auch schon die gesplittete Abwassergebühr Einzug in ihr Werk gehalten. Eine Dauererzählung, die zunehmend von Gaildorf handelt, versprechen auch "Frl. Walters Weltkarten" zu werden. Fünf großformatige Reispapierbögen hat die Stadtmalerin bereits mit assoziativen Zeichnungen gefüllt; nun droht das Papier auszugehen, sie warte auf Nachschub, sagt Heike Walter.

Derzeit hat die Stadtmalerin Besuch: Ihr Künstlerkollege Henrik Jacob ist zu Gast und arbeitet ebenfalls im Atelier im Alten Schloss. Henrik Jacob spielt mit Reproduktionstechniken, paust beispielsweise mit leerem Kugelschreiber gedruckte Bilder aus Zeitschriften auf spezielles Papier oder knetet Knetmassepartikel auf Porträtfotografien - abgezogen ergeben sich plastische Kopfbilder, die beinahe fotorealistisch anmuten.

Ein genaues Bild von der Arbeit der beiden Künstler kann man sich am kommenden Sonntag, den 13. März machen. Denn nämlich laden Heike Walter und Henrik Jacob zum ersten offiziell "offenen Stadtmaler-Atelier", zum Schauen und Reden ins Alte Schloss in Gaildorf. Ab 11 Uhr gibts einen Frühschoppen, auch etwas zum Essen wollen die Beiden besorgen. Bis 18 Uhr soll die Veranstaltung dauern - und weitere sollen folgen.

Bericht: Richard Färber  20.12.2010

Neue Kunst im Alten Schloss

Heike Walter wird elfte Gaildorfer Stadtmalerin - Künstlerin aus Berlin will Anfang Januar einziehen.

Fliegender Wechsel im Alten Schloss in Gaildorf. Ab Anfang Januar wird Heike Walter dort leben und arbeiten. Sie löst den Stadtmaler Dirk Pokoj ab.

Gaildorf. Von Gaildorf hat Heike Walter bisher eigentlich keine Notiz genommen. Die Künstlerin, die ursprünglich aus dem Mittelfränkischen stammt, lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Berlin. Allerdings hat die Anzeige zum Stadtmaler-Stipendium, die in diesem Jahr in der Zeitschrift „Atelier" erschienen ist, dann doch ihr Interesse geweckt. Die 45-Jährige schickte ihre Bewerbung ein und überzeugte. Am vergangenen Montag hat sie sich im Rathaus vorgestellt und wurde von Bürgermeister Ralf Eggert offiziell begrüßt. Heike Walter will das Stipendium, das nun zum elften Mal vergeben wurde, so schnell wie möglich im Januar antreten. An­ders als ihr Vorgänger Dirk Pokoj, der lediglich das Atelier im Alten Schloss nutzte, wird sie auch die blitzblank renovierte Wohnung im Torturm beziehen. Die Wohnung wurde zwischenzeitlich mit einigen Möbeln ausgestattet, die der Holzkünstler Stefan Vollrath geschaffen hat.

An das Stadtmaler-Stipendium, das der früher in Gaildorf lebende Künstler Diethelm Reichart ausgeheckt hat, sind keine Bedingungen geknüpft. Die Künstler können im Schloss wohnen, das Atelier und bei Bedarf auch die Garage im Schlosshof nutzen, und sie erhalten ein monatliches Taschengeld. Alles weitere, das zeigt die langjährige Erfahrung, wird sich ergeben. Einen Wunsch aber hat Bürgermeister Eggert dann doch an die neue Stadtmalerin gerichtet: Er würde es begrü­ßen, wenn Heike Walter auch im „öffentlichen Raum", also im Schlosshof aktiv werden würde: Hier gibt's Kontakt, hier lernt man sich kennen, hier bieten sich Ansätze der künstlerischen Auseinandersetzung mit der neuen Umgebung. Das passt, denn Heike Walter, die zur großen Familie der Konzeptkünstler zählt, tut nichts Anderes. Ihre Kunst sei Reaktion, Reflektion von Alltagssituationen sagte sie im Gespräch mit der RUNDSCHAU. Seitzehnjahren führt sie ein künstlerisches Tagebuch beziehungsweise ein „Bewertungsbuch", das aus einer Punkteskala und vierzig Kategorien besteht. Und mit den gewonnenen Datenmengen arbeitet sie dann, fertigt Zeichnungen, Bücher und topografische Modelle, setzt Musik - eine „Jahresdurchschnittsform" ist auch zum Sofa geworden.
Eigentlich habe sie damit abschließen wollen, sagt Heike Walter, ganz aufhören aber werde sie wohl nicht. Jetzt freut sie sich auf neue Datenmengen, geliefert von der Schenkenstadt und ihren Bewohnern.