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STADTMALER / Nummer
Sieben: Wonkun Yun Weich geklopftes
Ausnahmetalent Von Seoul über
Düsseldorf ins Schwäbische Distanz und
Unmut Man wird ein bisschen
umdenken müssen, um das zu verstehen. Der
Aufstand des Talents gegen familiäre und andere
Traditionen fand nicht statt, in der Familie Jun
gab es kein gut bürgerliches
Selbstverwirklichungsdrama. Der heute 34-jährige
Wonkun, der schon als Kind erste Preise gewann,
ist zwar unbestritten ein künstlerisches
Ausnahmetalent, das Bedürfnis aber, ihn zum
Künstler zu machen, hatten andere. Und wenn man
mit ihm über seinen Werdegang spricht, dann ist
Distanz und Unmut zu spüren: „Wenn ein Kind
etwas nicht möchte, dann muss man 'schade' sagen
und akzeptieren", sagt er. Intervention
von Außen Es gab einen Lehrer im
Gymnasium in Seoul, dem die Sorgen seines
Schülers um die Familie einerlei waren, der nicht
„schade" sagte, sondern massiv
intervenierte. Der Lehrer, berichtet Jun, war ein
bekannter Künstler. Er erkannte Juns Talent und
befand, sein Schüler müsse sich an einer
Kunstakademie einschreiben. Er machte Druck, er
sprach mit den Eltern, er schlug den Jungen,
schimpfte. Jun bewarb sich. Widerwillig, ein Mal
und guter Dinge, denn „die Konkurrenz ist
hart." Scheint's hatte er Pech: er wurde
genommen. Es wurde eine ganze Strähne daraus.
Pflichtbewusst und diszipliniert absolviert er die
Akademie, denkt aber schon wieder ans Aufhören,
ans Umsatteln in einen anderen Beruf, und muss
sich dann doch von einem Professor anhören, dass
er Künstler werden müsse. „Ich dachte damals
nicht, dass ich so talentiert bin", sagt
Wonkun Jun. Warteliste
gestürmt Es ging aber scheint's grad
so weiter. Vor sieben Jahren, nachdem sein Vater
gestorben war, ging Wonkun Yun, von seiner
künstlerischen Bestimmung immer noch nicht
überzeugt, nach Deutschland - ein Studentenvisum
in der Tasche, ein Tourismusstudium im Sinn. Als
er in Dortmund seinen Deutschkurs absolvierte,
wurde er natürlich trotzdem an eine
Kunsthochschule empfohlen, nach Braunschweig. Dem
Professor genügten einige Fotos von seinen
Arbeiten, um seine Warteliste kurzerhand über den
Haufen zu schmeißen und Wonkun Jun für das
Studium der Freien Malerei im sechsten Semester
aufzunehmen. Ein Jahr später, 1999, studierte
Wonkun Jun bereits an der Kunstakademie in
Düsseldorf bei Professor Helmut Federle. Diesmal
freiwillig: „Braunschweig wurde
langweilig." 2001 wurde er Federles
Meisterschüler, 2003 schloss er ab. „Die
Prüfung war leicht", sagt er. Hochschulkontraste Nun gut: In Korea wird eben
anders studiert. Es gibt strenge Stundenpläne und
noch strengere Prüfungen: Pro Semester sind es
13,14 Fächer, die abgeprüft werden, erzählt
Wonkun Jun: Kunstgeschichte, Kunsterziehung,
Philosophie und so weiter, und wer nicht besteht,
ist draußen. Eine zweite Chance gibt es nicht.
Dass er das widerwillig durchlaufen haben will,
ist kaum zu fassen. Wann genau in seiner Biografie
der Moment gekommen ist, an dem er weich geklopft
war und sich als Berufskünstler akzeptierte, ist
schwer zu ermitteln. Seine Kunst, die Bilder und
Kataloge, die er mit nach Gaildorf gebracht hat,
enthält keine Selbstfindungskonflikte, berichtet
nicht von Bevormundung, Zweifel und Druck. Es ist
nicht so, dass in diesen Acrylarbeiten, die Wonkun
Jun geduldig in stundenlangen arbeitsaufwendigen
Sitzungen bis zur Anmutung von Pastell „wäscht",
kein „Ego" zu finden wäre. Aber es ist
kein auftrumpfendes, sondern ein ausgeglichenes,
zurückgenommenes „Ich". Aus Juns Bildern
spricht eine schöpferische Ruhe, die mit Drang
nicht zu vereinen ist. Er selbst spricht von einer
„Darstellung der Gefühlsmäßigung". Hinter den
Farbschleiern Wonkun Juns Arbeiten wirken
meist monochrom. Zugrunde aber liegt ihnen eine
Fülle von Farben, die, beginnend bei
Schwarztönen, ausgewaschen, aufgehellt und auf
der Leinwand gemischt werden, bis sich das Acryl
zu duftigen Pastelltönen transformiert. „Reduzieren,
reduzieren, reduzieren", lautet sein Credo,
und wer genau hinschaut, für den nimmt hinter
diesen dunstigen Schleiern aus Grau und Braun die
Seele der Farbe Gestalt an. Für Einen, der aus
dem Widerstand kommt, ist das kein schlechtes
Ergebnis.
EINZUG / Siebter
Gaildorfer Stadtmaler Wonkun Jun hat sein Quartier
in Gaildorf bezogen Konsequent minimalistisch Frei schaffender
Künstler aus Korea freut sich auf Dialog mit
Kunstinteressierten Wonkun Jun hat nach Gaildorf
nur das Wichtigste mitgebracht. Und das sind
Bilder - was für einen Stadtmaler nur logisch
ist. Am Samstag bezog er seine Wohnung gegenüber
dem Rathaus. Ausstellung
in Leverkusen Wonkun - Jun
ist sein Nachname und in Korea gängig wie
hierzulande Hägele, Müller oder Maier -wird
zuvor in den Kohlenpott zurückkehren müssen. Im
Kulturforum Leverkusen wird er eine Ausstellung
bestreiten. Zudem muss er noch diversen Papierkram
erledigen. Aber dann, dann wird er sich
ausschließlich Gaildorf widmen. Der frei
schaffende Maler möchte hier den Dialog mit
Kunstinteressierten suchen. „Meine Bilder sind
abstrakt. Es ist moderne Kunst, sehr
minimalistisch", erklärt er. Folglich sieht
er hier Kommunikationsbedarf. Wonkun ist
konsequent minimalistisch: Seine Habe fand in
einem Transit Platz. Rolf Deininger
und Jürgen Dümmel vom Freundeskreis Stadtmaler
haben ihn im wilden Schneetreiben in Düsseldorf
samt Gepäck abgeholt. Zum Abschied ging es zum
Essen - zum Koreaner. Auf diese Annehmlichkeiten
des Stadtlebens wird Wonkun vorübergehend
verzichten. Dafür wird er das Stipendium
genießen. Zwölf Monate bleiben ihm dafür Zeit,
umsorgt vom Freundeskreis. Martin Zecha und Werner
Kreetz gehören dazu, weshalb sie
Samstagnachmittag beim Umzug mit anpackten. Sie
alle werden sich in den kommenden Monaten um den
33-jährigen Gast kümmern - wann immer er will.
KUNST / Bürgermeister
Ralf Eggert begrüßt Gaildorfs Der
neue Gaildorfer Stadtmaler Jun Wonkun mit
Bürgermeister Ralf Eggert, im Hintergrund (von
links) Martin Zecha, Kulturamtsleiter Gerhard
Gaugel, Traudel Balz und Rolf Deininger vom
Förderkreis Stadtmaler.
Martin
Zechas Temperament verwandelte das
Willkommens-Ritual für den neuen Stadtmaler
gestern Nachmittag im Rathaus in eine lustige
Runde. Dialektbedingter Verständigungsprobleme
zum Trotz - Jun Wonkun lachte einfach mit. GAILDORF
• Der Maler aus Fernost wird zum Jahreswechsel
von Düsseldorf nach Gaildorf umziehen. Gestern
bekam er seine Gönnerstadt erstmals zu Gesicht.
Er war weder entsetzt noch abgeneigt, im
Gegenteil: „Hier ist viel Natur. Warum nicht mit
viel Natur arbeiten. Das ist ok so." Überraschungsbesuch Kulturamtsleiter
Gerhard Gaugel servierte dem siebten Gaildorfer
Stadtmaler Kaffee und der Bürgermeister führte
ihn in seiner Begrüßungsrede in die
Gepflogenheiten vor Ort ein, dass der Besuch vom
Rhein nur so staunte: Die Bevölkerung sei stark
an dem Stadtmaler interessiert, weshalb er mit
Überraschungsbesuch rechnen muss, mit Leuten, die
„einfach nur mal gucken wollen, was Sie so
machen und wie es Ihnen geht". In Gaildorf
herrsche nun mal ein zwangloser Umgangston und die
Kunst sei schließlich ein
Kommunikationskatalysator. Der Stadtmaler werde in
Gaildorf als Teil der Gemeinschaft aufgenommen,
„dafür bekommen Sie ein Vielfaches an
Anerkennung und Akzeptanz zurück". Jun
Wonkun lächelte. Und das dialektbedingte
Verständigungsproblem, versicherte ihm Martin
Zecha vom Förderkreis Stadtmaler, „kriegen wir
in den Griff. In einem Jahr kannste perfekt
schwäbisch. Davon bin ich fest überzeugt."
Jun Wonkun genoss derweil Kaffee und „Teilchen",
wie die Rheinländer süße Stückle nennen, und
vernahm mit Schrecken die Nachricht, dass die
Bausubstanz der Türme an der Südwest-Seite des
Schlosses miserabel ist und dringend saniert
werden muss. Die
Stadt wird aber für den Künstler eine Wohnung
finden. Jun Wonkun nickte. Mit seinem künftigen
Atelier ist er schon mal hochzufrieden. Dann war
er an der Reihe. Abstrakte
Malerei Der
33-Jährige studierte in Korea Kunst. In
Deutschland wollte er studieren, „weil ich das
hier kostenlos machen kann und weil hier das
Ausbildungssystem gut ist". Vor sechseinhalb
Jahren bekam er sein erstes Stipendium. Zunächst
wurde Wonkun in der Kunstakademie Braunschweig und
dann der Düsseldorfer aufgenommen. Mit dem
Stipendiat in Gaildorf habe er absolut nicht
gerechnet. Zecha: „Die haben dein Talent gleich
erkannt so wie wir."
Wonkun Jun blickt auf
seine Gaildorfer Zeit zurück
Auf dem Sprung nach
Düsseldorf Rückkehr nach einem
arbeitsamen Jahr - An den Kontakten hat's gefehlt Frühe Planung Schon in Düsseldorf hat Wonkun Jun angefangen, seine Arbeiten zu planen und sich in Gaildorf sofort ans Werk gemacht. „Nun bin ich gespannt auf die Reaktionen des Düsseldorfer Publikums", sagt Wonkun Jun, der sich dort einen Namen in der
Künstlerszene machen will. Beeindruckendes
Material jedenfalls hat er mittlerweile zur
Genüge. Gefehlt haben ihm auch
die jüngeren Leute. Während ältere Semester
eher Interesse zeigten, kam es kaum vor, dass die
Jungen ihn in seinem stets geöffneten Atelier
besuchten. Auch seine Abschluss-Ausstellung stieß
bei den Jüngeren auf wenig Resonanz. Dass hin und
wieder eine Schulklasse im Atelier vorbei schaute,
fand er allerdings klasse. Versandete Ideen Wonkun Jun hatte einige
Ideen, mit denen er Menschen ins Atelier locken
wollte. So hätte er zum Stadtjubiläum gerne
seine Vorgänger nach Gaildorf eingeladen. Die
Sache sei dann aber versandet, so Jun, „leider".
Er habe den Eindruck gehabt, seine Ideen würden
nicht ganz ernst genommen, meint er. Dabei halte
er es für einen der wichtigsten Aspekte des
Stipendiums, dass die Leute den Kontakt zum
Stadtmaler und dessen Kunst suchen. „Das
Interesse ist vielleicht da, aber die Leute haben
nicht den Mut zu kommen" - hier hätte er
sich mehr Unterstützung gewünscht. Ganz leicht fällt ihm
der Abschied dennoch nicht. Er hatte zwar nicht
mit vielen Menschen Kontakt, aber wenn, „dann
war es sehr herzlich". Bedanken möchte sich
Wonkun Jun bei der Stadt Gaildorf, dem
Stadtmalerförderkreis, der IG Kunst und der
Familie Baum für die große Unterstützung, die
er erfahren hat. (24.3.05)
STADTMALER / Die k ü nstlerische Bilanz von Wonkun Jun Gemischte Gef ü hle in gemischtem Licht Die Farben der Landschaft - Mut gesammelt, Kr ä fte gespart, auf Anfang geschaltet Was bleibt? Quadrate aus Acrylfarben, die man für Pas tellbilder hält. Wonkun Jun aber, siebter Stadtmaler der Stadt Gaildorf, ist nur in der Form unverbindlich. In den matten Töne, die er geduldig aus dem Acryl gefiltert hat, le ben Gaildorfer Farben. GAILDORF • Den Kocher
habe er oft beobachtet, sagt Wonkun Jun. Jetzt, wo
das Wasser gefallen ist, wird rötlich-grauer Sand
sichtbar, zuvor füllten bräunliche Fluten das
Flussbett. Überhaupt: Wenn man an diesen
schüchternen Frühlingstagen in die Landschaft
schaut, versteht man immer besser, was er meint,
wenn er sagt, dass er in seiner Zeit als
Gaildorfer Stadtmaler die Landschaft entdeck hat. Denn die matt-pastosen
Quadrate, die Wonkun Jun mühsam und in
ausgefeilter Technik aus Acrylflächen gewaschen
hat, geben die Farben der Landschaft wieder: das
dunstige Grau der Wälder, magere Erdfarben, die
nun lange unter dem Schnee verborgen waren,
trübblaue Himmel, verwaschene Wiesen, ockriges
Wasser - gemischte Gefühle in gemischtem Licht. Als Stadtmaler zählte
Wonkun Jun, obgleich ungeheuer produktiv, eher zu
den Stillen. Er hätte sich mehr Kontakte
gewünscht, meint er, und vielleicht liegt es ja
an diesen fehlenden Kontakten, dass er nicht zur
Form, sondern „nur" zu der Farbe gefunden
hat - dass in dem diffusen Licht, das ihn ein Jahr
lang umgab, keine Gegenstände aufgetaucht sind.
Dabei weiß der siebte Gaildorfer Stadtmaler
genau, was er ist. Ein späterer Biograph,
meint Wonkun Jun, werde seine Zeit in Gaildorf gar
nicht hoch genug bewerten können. Denn das
Stipendium gab ihm die Möglichkeit, Kräfte zu
sparen, Mut zu sammeln, auf Anfang zu schalten: In
Gaildorf habe er nicht nur Farben assoziiert,
sondern auch die dazugehörige Technik weiter
entwickelt und perfektioniert, sodass er die
nächsten Entwicklungen angehen kann. Und so gesehen war es auch ein gutes Jahr: Einerseits sei er traurig, dass er gehen müsse, meint Wonkun Jun, andererseits aber auch froh, weil er etwas Wertvolles entdeckt hat, das er mitnehmen kann, das ihn auf seinen künftigen Wegen begleitet, auf das er aufbauen wird: „Gaildorf war der erste Schritt", sagt Wonkun Jun. „Hier habe ich meine Karriere begonnen."
Abschied von Wonkun Jun GAILDORF • Wonkun Jun,
siebter Gaildorfer Stadtmaler, hat sich gestern
mit einem Bild bei Bürgermeister Ralf Eggert im
Rathaus verabschiedet. Eggert zeigte sich
beeindruckt von den Landschaftsfarben, die Wonkun
Jun während seines Stipendiums erarbeitet hat -
so etwas gab es bisher noch nicht in Gaildorf. Der
Bürgermeister drückte aber auch sein Bedauern
darüber aus, dass Wonkun Jun, anders als seine
Vorgänger, nicht im Alten Schloss wohnen konnte,
da überraschend mit der Sanierung des Torhauses
begonnen werden musste. Wonkun Jun wird heute nach Düsseldorf zurückfahren. Ausstellungen mit Bildern, die in Gaildorf entstanden, sind in Vorbereitung. Der achte Stadtmaler, Nicolaus Cinetto, wird am 1. Mai erwartet. [
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