|
Interview vom 19.10.2002
Stipendium macht Gaildorf als Förderstadt
bekannt
Ein Jahr mietfrei im Schloss, dazu ein
Taschengeld alles weitere wird sich weisen. Das
ist die Idee, die hinter dem Gaildorfer
Stadtmalerstipendium steckt. Der fünfte
Stadtmaler Emanuel Anthropelos rüstet jetzt zur
Abschlussausstellung. Richard Färber hat sich mit
ihm unterhalten.
Es soll immer noch Leute geben, die
glauben, der Stadtmaler müsse das Gaildorfer
Schloss streichen. Das Schloss steht unverändert.
Was hat Nummer fünf getrieben?
EMANUEL
ANTHROPELOS: Ich habe unter fantastischen
Rahmenbedingungen gearbeitet. Die räumliche
Situation im Alten Schloss hat es mir erstmals
ermöglicht, meine bildnerische Arbeit mit meinen
musikalischen Ideen zu verknüpfen. Das Atelier
war gleichzeitig Studio und dadurch war der
unmittelbare Wechsel zwischen Musik und Malerei
möglich. Ich habe das regelrecht als
Verschmelzung empfunden.
Wie äußert sich das in der kommenden
Ausstellung?
ANTHROPELOS:
Nicht so konkret, wie man das vielleicht erwartet.
Es geht ja um meine persönliche Entwicklung. In
der Präsentation sind diese beiden Bereiche
getrennt und werden auch so wahrgenommen. Eine
Ausnahme war meine Tanzperformance vor zwei
Wochen. Sie hat bildnerische und musikalische
Aspekte verknüpft in der Gestaltung des
Raumes durch Körper, die mit improvisierter Musik
interagieren.
Es
war von persönlicher Entwicklung die Rede. Welche
Rolle hat Gaildorf dabei gespielt?
ANTHROPELOS:
Gaildorf hat mir diese Entwicklung ermöglicht.
Mir standen eine Wohnung und ein Atelier zur
Verfügung, ich hatte aufmerksame Ansprechpartner,
und ansonsten hat man mich machen lassen. Solche
Bedingungen findet man selten. Künstlerisch haben
vor allem die Natur und die Kulturlandschaft
gewirkt. Ich habe gearbeitet wie bisher und
bemerkt, dass sich Gewichte verschoben haben, dass
sich mein künstlerisches Vokabular geändert hat.
Die neueren Bilder zeigen architektonische
Strukturen, die vorher so nicht wahrnehmbar waren.
ANTHROPELOS:
Ich hatte eine intensive Malphase zwischen Februar
und Mai. Und in der Struktur der Bilder ist die
Rolle der Architektur gewachsen. Das ging so weit,
dass ich große Arbeiten auf Architektenplänen
gemacht habe. Das Alte Schloss hat dabei mit
Sicherheit eine Rolle gespielt.
Sie haben Ihr Stipendium nicht
ausschließlich in Gaildorf verbracht?
ANTHROPELOS:
Es wäre aus Gaildorfer Sicht natürlich
wünschenswert, wenn ein Stadtmaler sich völlig
einbringt. Das Stipendium verlangt das aber nicht,
und mir war es auch nicht möglich. Zum einen,
weil meine Familie in Stuttgart lebt, zum anderen,
weil ich weiterhin arbeiten musste. Ich habe an
der Fachhochschule für Sozialpädagogik
unterrichtet und zusätzlich noch zwei
Ausstellungen in Frankfurt und Konstanz
organisiert.
Und dort weiß man jetzt, wo Gaildorf
liegt?
ANTHROPELOS:
Allerdings. Timm Gierig vom Frankfurter
"Leinwandhaus" hat mich in Gaildorf
besucht, um Bilder für die Ausstellung bei Baker
& McKenzie auszusuchen. Ein Stipendium
bedeutet einen Vertrauensvorschuss: geförderte
Künstler kann ein Galerist gut anbieten.
Umgekehrt wird Gaildorf als Förderstadt bekannt,
als Kommune, die kulturelle Leistungen ermöglicht
und über eine kulturelle Identität verfügt.
Bericht vom 21.10.2002
STADTMALER
/
Abschlussausstellung eröffnet
Tusch im
Trainingsfeld
Worte,
die nachklingen: Er wünsche der Stadt Gaildorf
ein nachhaltiges Bedürfnis nach kultureller
Identität, sagt der fünfte Stadtmaler Emanuel
Anthropelos. Gestern wurde im Alten Schloss seine
Abschlussausstellung eröffnet.
GAILDORF
Als
Musiker ist der bildende Künstler Emanuel
Anthopelos ein Allrounder wie er im Buch steht.
Vor allem wenn's um Ausstellungseröffnungen geht
da kann er dann nämlich höchstpersönlich
den Programmpunkt "musikalische
Umrahmung" füllen. Gestern etwa griff er
nicht nur im Wortsinn ins Klavier, sondern auch
zur" Jakule", einer an die Schalmei
gemahnende thailändische Mundorgel, schritt
durchs Publikum und
pflanzte
feierliche Töne und Akkorde wie Farbtupfer in den
Raum - ein Tusch im "Trainingsfeld".
Denn so, als Trainingsfeld, hatte Manfred Schwarz,
Vorsitzender der IG Kunst, bei der
Ausstellungseröffnung das Gaildorfer Stadtmaler
Projekt bezeichnet. Nur die Kunst sei in der Lage,
Fragen zu beantworten und Dinge aufzuspüren, die
rational nicht wahrgenommen werden. Deshalb müsse
man ihr Raum geben, Zeit und Aufmerksamkeit.
Anthropelos
denkt nicht anders. Kunst schaffe das Verdrängte
ans Licht, reflektiere das Schwierige, wage Neues,
sagte er Und deshalb sein wohlformulierter Wunsch:
Nicht Kunst soll Gaildorf haben wollen, sondern
ein Bedürfnis. Ein Nachhaltiges.

RICHARD FÄRBER
Bericht vom 22.10.2002
KUNST /
Abschlussausstellung des fünften Gaildorfer
Stadtmalers
Was
das Jahr ans Licht gebracht hat
Arbeiten
von Emanuel Anthropelos in der Galerie im Alten
Schloss in Gaildorf
In den kommenden drei Wochen
kann in der Galerie im Alten Schloss in Gaildorf
Einblick in das Schaffen des fünften Gaildorfer
Stadtmalers genommen werden. Die
Abschlussausstellung von Emanuel Anthropelos wurde
am Sonntag eröffnet.
GAILDORF
Der Unterschied zwischen Musik und bildender Kunst?
Für Emanuel Anthropelos eine Formsache: beides
kommt und wirkt
von innen. Bei der Eröffnung seiner
Abschlussausstellung hat der fünfte Gaildorfer
Stadtmaler auf der thailändischen Mundorgel
"Jakule" und am Klavier demonstriert,
wie Bilder und Räume aus Klang entstehen.
Extensiv, indem er mit der Jakule Klangfarben
tupfend feierlich den Raum abschritt; intensiv,
indem er sich von der Tastatur aus tief in die
Eingeweide des Flügels hineinarbeitete,
Gummibälle in den klaffenden Korpus warf und mit
einem elektrischen Ventilator Klangflächen aus
den Saiten sägte.
Wie seine Bilder, so ist auch dieses Konzert
nicht kategorisierbar. Anthropelos ist ein
künstlerischer Extremist, der, wenn er an die
Öffentlichkeit tritt, kompromisslos auf das
vertraut, was aus ihm aufsteigt. Und der seine
Existenz als Künstler auf ein zerbrechliches,
unfassliches Gemeinsames aufbaut: Die Bilder, die
sein Innerstes freigibt, müssen auch in anderen
wohnen und von ihnen erkannt werden. Anthropelos'
Kunst zu definieren ist deshalb auch nicht leicht.
Natürlich fällt der Name Beuys, natürlich
werden Leistungen genannt: Bilder des Stadtmalers
finden sich unter anderem in der Sammlung van der
Grinten auf Schloss Moyland, in der grafischen
Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, in den
Sammlungen der Deutschen Bank, der Bausparkasse
Schwäbisch Hall und der Landesbausparkasse.
Seine
eigentliche Anerkennung aber findet Anthropelos in
intimster Zweisamkeit. Wer über seine Kunst zu
Dritten sprechen möchte, müsste sich
ehrlicherweise selbst zu erkennen geben, müsste
Assoziationen, Stimmungen und Gefühle erklären,
die sich beim Betrachten - oder Zuhören - gelöst
haben. Und er müsste den Mumm haben zu schweigen,
wenn sich, was bei einigen Bildern vorkommen kann,
beim Betrachten - oder Zuhören - nichts regt.
56 Bilder, die man nach Beuys durchweg
Zeichnungen nennen kann, hat Anthropelos in die
Galerie gehängt, die ältesten entstanden 1995,
die jüngsten im vergangenen Jahr, das er als
Stadtmaler im Gaildorfer Schloss verbracht hat.
Bei Letzteren überwiegt das große Format, und
wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass
Anthropelos sich Hinweise gestattet hat: etliche
der Bilder sind auf alten Architektenplänen
entstanden.
Das räumt er ein: Da quillt Gaildorf in die
Flächen - mit Wachskreide, Tinte, Aquarellfarben,
Tee, Rote-Bete-Saft und Eichenrindenextrakt hat
der Stadtmaler auf die Bilder geschaufelt, was das
Jahr ans Licht gebracht hat. Die Stadtmaleridee,
sagte Anthropelos, der sein Stipendium ausgelebt
hat, möge lange leben. Wenn man ehrlich ist,
versteht man, wie es gemeint war.
RICHARD
FÄRBER
Berichte vom 8.11.2002
STADTMALER
Kinder, Kunst
und Rote-
Bete
GAILDORF
Umtriebigen
Besuch hatte gestern der fünfte Gaildorfer
Stadtmaler Emanuel Anthropelos. 22 Kinder vom
katholischen St. Raphael-Kindergarten besichtigten
gemeinsam mit ihren Betreuerinnen Marianne
Schwarz, Yvonne Maile und Agnes Gerteisz zunächst
das Stadtmaler-Atelier, wo Anthropelos seine
Arbeitsmaterialien vorstellte, und dann die
aktuelle Ausstellung in der Galerie im Alten
Schloss.
Dabei
ging's selbstverständlich nicht nur ums Gucken:
Der Stadtmaler lud die Kinder ein, selbst
künstlerisch aktiv zu werden und packte zu diesem
Behufe - nein, keine Malstifte, sondern eine dicke
Rote-Bete-Knolle aus. Das Gemüse wurde
zerschnippelt und von den Kindern zum Bemalen
zweier Papierbahnen benutzt. Und weil auch in der
Kunst nichts verkommen soll, wurden die Reste
anschließend gefuttert.
RICHARD
FÄRBER

STADTMALER
/
Finissage
mit Anthropelos/Sattler:
Die Stadtmaler-Ära Anthropelos neigt sich dem Ende zu.
Seine Abschlussausstellung ist am Sonntag
letztmals zu sehen. Zur Finissage gibt's ein
"Konzert mit außergewöhnlichen
Instrumenten".
GAILDORF
Außergewöhnlich
ist auch die Besetzung des Konzertes:
Der
fünfte Stadtmaler Ernanuel Anthropelos wird
zusammen mit dem Heidelberger Musiktherapeuten
Jochen Sattler improvisieren.
Das verspricht interessant zu werden, denn die
musikalischen Interessen von Anthropelos und
Sattlerbewegen sich durchaus in ähnliche
Richtungen: Während der Stadtmaler die
akustische Improvisation dazu nutzt, die
Assoziationsräurne seiner
Zuhörer zu befruchten und
zu erweitern, beschäftigt sich der klassisch
ausgebildete Jochen Sattler mit den spirituellen
Potenzen archaischer Musikformen. Seine Musik
zielt auf Befreiung: der Klang als Schlüssel für
die Seele.
Bericht vom 12.11.2002
FINISSAGE
/ Performance von Emanuel Anthropelos
Unvergleichlicher Abschied: Bilderklänge
Ein üppig-chaotisches Arsenal von Musikinstrumenten,
ein angedeuteter Stuhlkreis entlang der Wände des
Wurmbrandsaals: Der Stadtmaler hatte zu einer
musikalischen Improvisation der besonderen Art
eingeladen.
GAILDORF
Emanuel
Anthropelos holte für seine letzte Veranstaltung
den ehemaligen Studienkollegen Jochen Sattler ins
Boot, mit dem zusammen er eine Fülle von
exotischen Musikinstrumenten in den Wurmbrandsaal
schleppte. Viel Außereuropäisches war dabei,
aber das meiste stammte von überallher.
Der
schwarze Flügel sah sich mit einer umfangreichen
Familie von tönernen Blumentöpfen konfrontiert,
das unauffällige Keyboard stand im offenen
Wettbewerb mit der unscheinbaren Shruti-Box aus
Indien, diverse dickfellige Tablas standen im
Dialog mit dem dumpfdröhnenden Didgeridoo unserer
australoiden Vorfahren. Fürs musikalische Chaos
war alles bestens gerüstet.
Doch
das Improvisatoren-Gespann hatte seine
gestalterischen Mittel bestens im Griff. Was
anfangs nach waghalsiger
Durcheinander-Improvisation aussah, entpuppte sich
recht bald als eine planvolle "Mixtour"
durch diverse Klangwelten. Es hupte, sirrte,
dröhnte, quakte und wummerte beständig, wurde
jedoch nie zu aufdringlich. Die planvoll
improvisierte Zusammenstellung von
Klangereignissen aus dem swingenden Sound eines
elektrischen Rasierapparats und einem
kalimba-ähnlichen Saiteninstrument war einerseits
nicht ohne Komik, andererseits im Kontext eine
Selbstverständlichkeit.
Die
archaischen Klänge fanden an allen möglichen
Stellen ihren Resonanzpartner und weckten bei den
hörenden Zuschauern Assoziationen, ließen
großflächige, eindrucksvoll-abstrakte Bilder von
unerhörtem Reiz entstehen. So können Bilder
klingen, wenn man sie zum Leben erweckt: Wirres
Fingergetrappel an Blumentopfkanten schleicht sich
unvermittelt an Glockenspieltöne heran und wird
erst ganz allmählich durch obertonreiche
Holzblasgeräusche aus der zweckentwöhnten
Querflöte abgelöst - ein faszinierender
Galeriebesuch im bunten Bilderland der Klänge und
Geräusche. Mit diesem berauschenden Augen- und
Ohrenfest gelang Emanuel Anthropelos zusammen mit
Jochen Sattler ein unvergleichlicher Höhepunkt in
der Hitparade der Stadtmaleraktivitäten.
Nach
einer guten Stunde hauchte das Spektakel seine
letzten Töne aus und entließ die Besucher
zwischen die Reihen der kleinen Laternenträger,
die beim zünftigen "Rabimmel-Rabammel"
der Stadtkapelle ihre eigene große Klang- und
Farbenwelt betrachten konnte.
RAINER
KOLLMER
|