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Glaskunst mit Katzenbeißer
Frühere Stadtmalerin Angelika Weingardt
entwarf Lauffener Kirchenfenster Die Glaskünstlerin hat
ganze Arbeit geleistet: Angelika Weingardt aus
Bühlerzell, früher Gaildorfer Stadtmalerin, hat
die neuen Chorfenster der Kirche in Laufen am
Neckar entworfen.
Ein
mit Weinranken gefüllter Jutesack, einst Geschenk
ihres Bruders ("Kannst du sowas
brauchen?") brachte Weingardt auf die Idee,
Weinreben und Ranken in der natürlichen
Grilligkeit ihres Wuchses als Ausgangspunkt zu
nehmen. Im Kontrast zum relativ bunten Kirchenraum
schmückte sie die sechs 10 Meter hohen und 1 bis
1,40 Meter breiten Chorfenster mit schwarz-weiß
wirkender Ornamentierung: Gegen den opalartigen,
leicht getönten, strahlend lichtbrechenden
Hintergrund von mundgeblasenem Tafelglas rankt
sich schwarzes Zweiggeflecht bis in die
Spitzbögen der Fenster hinein. Das Rankwerk wird
vom Strukturmuster der Bleiruten definiert,
angefüllt durch Malerei in schwarzer Farbe. Mit
dieser farbarmen und rein ornamentalen Gestaltung
referiert Weingardt an Grisailletechnik, die im
Mittelalter - in das auch die Bauzeit der Kirche
fällt - auch bei Glasmalerei in Schwang kam.
Die Stadt
und ihre Künstler Seit 1997 vergibt
Gaildorf Kunst-Stipendien: Die Stadtmaler ziehen
für ein Jahr ins Schloss Gaildorf.
Wonkun Jun mochte das Gaildorfer Bier, zählte
ansonsten aber eher zu den Stillen. Ab und zu sah
man den damals 34-jährigen Koreaner, der heute in
Düsseldorf lebt, still und freundlich lächelnd
in der Kulturkneipe stehen. Dass er den
wechselhaften Himmel, die Felder und Wälder, die
Erde, den Kocher und den am Ufer angeschwemmten
Sand regelrecht studiert hatte, erfuhr man erst
durch seine bis zur Pastell-Anmutung
ausgewaschenen Acryl-Quadrate: Wonkun Jun, der
2004 Stadtmaler in Gaildorf war, hat der
Schenkenstadt keine Bilder gegeben, aber er hat
ihre Farben entdeckt. Keiner seiner Vorgänger hat
so viele Arbeiten verkauft. Kosten-Nutzen-Denker kommen eher
nicht auf solche Ideen. Als Vater der Gaildorfer
Stadtmaler muss deshalb Diethelm Reichart gelten,
ein äußerst kommunizierfreundlicher Künstler,
den es vorübergehend von Stuttgart ins Limpurger
Land verschlagen hatte. Für Reichart, der das
Alte Schloss im Jahr 2000 mit tausenden bemalter
Fahnen aus aller Welt behängen ließ, ist Kunst
nicht zuletzt Interaktion; seine Stadtmaler-Idee
sollte nicht nur künstlerische, sondern auch
soziale Spielräume öffnen. Natürlich trat das Konzept
nicht fertig und in seiner heutigen Gestalt in die
Welt. Den ersten Stadtmaler nickte der Gemeinderat
ab und ließ ihn werkeln. Er hieß Heinrich Knopf,
trat 1997 an und bescherte den Gaildorfern gleich
einen handfesten Kunstskandal. Auslöser war die
von Knopf initiierte Ausstellung „skulpturen-ort",
an der auch der 2006 verstorbene Künstler Peter
Guth aus Ellwangen teil nahm. Guth stellte ein
altes Doppelbett auf den Marktplatz. Der lustige ästhetische Streit,
der daraufhin in Gaildorf entbrannte, verdeckt ein
wenig den drohenden strukturellen Flurschaden.
Denn Knopf hatte sich als Galerist betätigt und
damit im Zuständigkeitsbereich der
Interessengemeinschaft Kunst gewildert, die seit
1995 das brach liegende Ausstellungswesen in
Gaildorf beackerte. Der Konflikt wurde formell
durch die Gründung eines „Förderkreis
Stadtmaler" beigelegt, der sich noch heute um
die Stadtmaler kümmert; da Knopfs Nachfolgerin
Sabine Arnold aber immer noch über Spannungen
klagte, übernahm schließlich kurzerhand die
Stadt die Schirmherrschaft und sorgte für eine
gedeihliche Ruhe. Die inzwischen acht
Stadtmalerinnen und Stadtmaler, die bisher zumeist
aus dem Umfeld der Stuttgarter Kunstakademie
kamen, mussten sich mit einer ungewöhnlichen
Situation auseinander setzen. Gaildorf ist eine
Kleinstadt, in der man nicht unbemerkt bleibt. Zum
Stadtmalerstipendium gehört daher Bisher aber war das kein
Problem, im Gegenteil. Die freundliche und offene
Neugier, mit der die Gaildorfer den Stadtmalern
begegnen, ergibt einen fruchtbaren Boden. Die
dritte Stadtmalerin Sumiko Shöji beispielsweise,
eine Japanerin, die heute mit ihrer Familie in
Gaildorf-Unterrot lebt, wandte sich von sich
selbst ab. Das darf wörtlich genommen werden:
Shöji beschäftigte sich mit den Bildern von
anderen, etwa aus privaten Fotoalben, und fand in
hermetisch wirkenden Installationen zu einer
Sprache der Bilder und Formen, die das Gewicht des
Fremdseins beschreibt. Emanuel Anthropelos entpuppte
sich als Musiker und Performance-Künstler, konnte
sich aber letztlich auch der architektonischen
Reize nicht erwehren, die zumal das Alte Schloss
auf ihn als bildenden und zeichnenden Künstler
ausübte. Der letzte Stadtmaler Nikolaus
Cinetto, der wegen dringender Sanierungsarbeiten
nicht mehr im Alten Schloss wohnen konnte, legte
seine Druckstöcke beiseite und beschäftigte sich
stattdessen mit Makro- und Direktfotografien. Alle diese Stadtmalerinnen und
Stadtmaler arbeiteten mehr oder weniger im offenen
Atelier, gingen auch in Schulen, arbeiteten mit
Kindern oder beteiligten sich am Ferienprogramm.
Der siebte Stadtmaler aber lieferte sich der Stadt
komplett aus. Wolfgang Folmer hatte bereits vor
Antritt seines Stipendiums begonnen, Bilder in
Baumstämme zu ritzen und davon Abzüge zu machen.
Nun gehörte er zum Stadtbild, und die Bilder, die
er aus unerschöpflichen Quellen zu schöpfen
schien und in die Rinden der gespendeten Bäume
schnitt, wurden die Bilder seiner Zuschauer. Was immer die Gaildorfer über diese seltsamen Menschen gedacht haben mögen, die da regelmäßig als Künstler im Städtchen auftauchten, war nun obsolet. Bei Folmer hat man's zum ersten Mal laut und deutlich gehört: „Unser Stadtmaler!" Bericht und
Foto:
RICHARD FÄRBER (29.03.2008) Kurze Wege:
Kunst in der Öffentlichkeit 2006 hat der letzte
Stadtmaler die Stadt Gaildorf verlassen. Dann war
Pause, weil das Alte Schloss saniert werden
musste. Nun wurde das Stipendium erneut
ausgeschrieben. Gaildorf.
Es ist
schon bemerkenswert: Abgesehen von dem vor allem
ästhetischen Stunk um das Guth'sche Doppelbett
(Bericht auf dieser Seite) wurde das Gaildorfer
Stadtmaler-Stipendium nie kontrovers diskutiert. Geht's darum, die
Ausschreibung zu beschließen, entscheidet der
Gaildorfer Gemeinderat gewöhnlich einmütig und
in rekordverdächtiger Geschwindigkeit -
allenfalls ein Lob gibt's noch als Dreingabe. Dabei dürfte der Aufwand
nicht gering sein. Immerhin bezahlt die Stadt
monatlich nicht nur 300 Euro sondern übernimmt
auch die Miete und die Nebenkosten für die
Unterkunft der Kreativen. Und nun, wo die
Stadtmaler-Wohnung im Alten Schloss aufwendig
saniert wurde, könnte man sich sicherlich auch
eine andere, gewinnbringendere Nutzung vorstellen.
Dass niemand auf solche Gedanken kommt, liegt
nicht nur an den Stadtmalern selber, die Gaildorf
zumindest in Kunstkreisen bekannt gemacht haben.
Es liegt grundsätzlich am Zusammenwirken der
Kunst mit der Öffentlichkeit in Gaildorf. Denn lange Zeit gab's im
Alten Schloss zunächst das Atelier von Diethelm
Reichart, dann ein Gemeinschaftsatelier, in dem
auch Angelika Weingardt nach Abschluss ihres
Stadtmaler-Stipendiums arbeitete. Eine leere
Garage im Hof des Alten Schlosses wurde von der
Holzkünstlerin Andrea Reksans genutzt,
vorübergehend wurden dort auch Kurse in einem
Sommeratelier gegeben und schließlich arbeitete
auch der Stadtmaler Wolfgang Folmer inmitten der
Stadt. Gaildorf bot und bietet
also einen, wie die Sozialwissenschaftler so
schön sagen, „niedrigschwelligen" Zugang
zur Kunst, und das nicht nur für Einheimische.
Auch Fahrradtouristen, die den Kocher-Jagst-Radweg
erkundeten, blieben hängen, staunten, redeten,
und manche sah man später wieder, als Teilnehmer
am Sommeratelier. Wer also nach einem Nutzen
fragt, der jenseits des Schöngeistigen liegt
-hier wird er fündig. Die kreative „Flaute",
die Gaildorf im letzten Jahr überstehen musste,
dürfte also niemandem so recht gefallen haben. Im
Februar hat man das Stadtmaler-Stipendium zum
neunten Mal ausgeschrieben, im Juni wird die Jury
die Einsendungen - in der Regel gehen bis zu 50
Bewerbungen ein - sichten, im Oktober oder
November darf „Nummer Neun" antreten.
Ein Jahr
im Schloss Gaildorf. Eine frisch sanierte Wohnung im einstigen Schloss der Schenken von Limpurg, dazu ein Atelier und 300 Euro monatlich - mit diesem Angebot werden schon seit 1997 Künstler nach Gaildorf gelockt. Gegenleistungen werden bei diesem „Stadtmaler-Stipendium" ausdrücklich nicht erwartet, aber gern erbracht, wie die Erfahrung zeigt in Form von Ausstellungen, kreativer Präsenz und mal mehr und mal weniger aufgeregten Kunst-Diskussionen. Nach einem Jahr Pause wegen der notwendigen Schlosssanierung wurde nun das neunte Stipendium ausgeschrieben. Der neue Stadtmaler soll im Oktober nach Gaildorf ziehen.RUNDSCHAU
GAILDORF www.rundschau-gaildorf.de
KUNST AM BAU ( Bericht Cornelia Kaufhold 24.12.2003 )Sumiko Shoji und Angelika Weingart bemalen Fassade des Restaurants Rose in Vellberg-Eschenau Alltagstaugliche Visitenkarte dreier Gaildorfer Stadtmaler Die Wirtsleute der „Rose" in Vellberg-Eschenau, Adelheid und Jürgen Andruschkewitsch, haben mit Sumiko Shoji und Angelika Weingart einen Glücksgriff getan. Die Gaildorfer Stadtmalerinnen Nr. 3 und Nr. 4 haben die Fassade des Restaurants gestaltet. Ein echter Hingucker. ESCHENAU • Vor dem Gasthaus liegt, unverkennbar, ein Produkt aus Wolfgang Folmers Freiluft-Atelier: ein Baumstamm. Stadtmaler Nr. 6 bevorzugt geschwärzte Baumstämme, um der Nachwelt seine Bildergeschichten zu erhalten. Adelheid Andruschkewitsch konnte beim Anblick der Folmer'schen Stämme in Gaildorf nicht anders als eines der Kunstwerke zu erwerben. Sumikos Einsatz an der Rose-Fassade war an eine Bedingung geknüpft: Sie wollte in der Rose essen und dann entscheiden, ob sie für dieses Haus arbeiten kann. Sie konnte. Gleich nach dem ersten Bissen griff sie zum Pinsel und kreierte Freihand eine duftige Ranke auf den Putz. Als Förderkreis Stadtmaler-Mitglied konnte auch Malermeister Rolf Deininger nicht anders, als die Künstler den Wirtsleuten zu vermitteln, nachdem er an der Fassade das Seinige vollbracht hatte. Zusammen mit Angelika Weingart entwarf Deininger den Schriftzug am Gasthaus. Sie verwandt das Grün der Rosenranken. Die Schrift fällt auf, steht aber nicht in Konkurrenz zu der Malerei. Der Malermeister will diese Koproduktion übrigens zu einem Fassaden-Wettbewerb einreichen. Das Stadtmalerprojekt findet bei den Gästen der „Rose sehr guten Anklang, sagt die Wirtin. Manchmal hielten auch Vorbeifahrende an, kommen herein und fragen nach der Adresse der Fassadengestalter. „Mit Sumiko haben wir eine Künstlerin gefunden, die sich sehr gut mit unserem etwas Anderen und anderen Stil identifizieren konnte". Angelika Weingart hat bereits ihr nächstes Projekt in Aussicht: Sie will in der Stadtkirche Gaildorf ein Fenster gestalten. Für Jun Wonkun, Stadtmaler Nr. 7, hat Adelheid Andruschkewitsch schon „eine Idee. Mal sehen, ob sie sich verwirklichen lässt". Der Rest bleibt vorerst geheim.
Wer nach handfesten Effek ten des Stadtmalerstipendi ums sucht, findet sie bei An gelika Weingardt. Die ehema lige Stadtmalerin wurde jetzt mit der Gestaltung der Fens ter der Gaildorfer Stadtkir che beauftragt. RICHARD
FÄRBER (Bericht vom 14.2.2004) GAILDORF • Wenn
Angelika Weingardt aus dem Fenster ihres Ateliers
im Gaildorfer Alten Schloss blickt, sieht sie, was
sie zu tun hat. Gegenüber thront die evangelische
Stadtkirche, ihre Chorfenster dominieren ihre
Aussicht. Es sind mächtige gotische
Spitzbogen-Fenster mit schmucklosen Scheiben - und
letzteres wird sie ändern. Eigentlich beschäftigt
sich die Künstlerin mit diesen Fenstern, seit sie
im Jahr 2000 nach Gaildorf kam. Schon damals hat
man Fühlung mit ihr aufgenommen, schon damals hat
sie begonnen, sich Gedanken zu machen. Bis zur
Auftragserteilung aber hat's dann doch gedauert.
Zwischenzeitlich hat Angelika Weingardt ein
Fenster für das Gaildorfer Rathaus entworfen und
auch die künstlerische Gestaltung der
Fichtenberger Kirche übernommen. Das Beispiel Fichtenberg Vor allem dort, in
Fichtenberg, hat sich ihr Verständnis von „architekturbezogener
Kunst" einen Ausdruck verschafft: Weingardts
Arbeit ist von Hochachtung und Zurückhaltung
geprägt, von zarten Farben, die kraftvoll wirken,
von grafischen Andeutungen und stilisierten
Zitaten, die ihren Ursprung in der umgebenden
Architektur haben. Sie wirkt atmosphärisch,
verstärkend; inhaltliche Eingriffe erlaubt sich
Weingardt nicht. Ihre Abneigung gegen die
über Jahrhunderte in Sakralbauten gepflegte
Abbildungskultur wird nicht überall geteilt.
Anfang Dezember erhielt Weingardt vom
evangelischen Kirchengemeinderat bei einer
Gegenstimme den Auftrag für die Gestaltung der
Stadtkirchenfenster. Denkmalamt und Oberkirchenrat
hatten bereits ihre Zustimmung erteilt. Am zweiten
Advent stellte sie den Gemeindemitgliedern ihre
Entwürfe vor und erntete zwar viel Zustimmung,
aber auch Kritik. Diskussion dokumentiert Die Kirchengemeinde hat
diese Diskussion in einem kleinen
Informationsblatt für die Germeindemitglieder
ausführlich dokumentiert. Bemängelt wurde
danach, „dass die Fenster keine christlichen
Symbole enthalten und darum nicht zur
Eindeutigkeit der Verkündigung beitragen
würden." Dass die Kunst an Sakralbauten
gleichsam nur in Form konkreter
Glaubensbekenntnisse akzeptabel sein soll, wird
allerdings nicht nur von Weingardt als zu
einschränkend empfunden. Und dass sie, wie in dem
Blatt kolportiert wird, auf einen „Großteil
ihres Lohnes" verzichtet, ist ein Gerücht.
Sie kann sich das nicht leisten. Die Entwürfe, die den
Gemeindemitgliedern in Wort und Bild vorgestellt
wurden, sind noch nicht endgültig - die
Künstlerin hat sich letzte Änderungen
vorbehalten. Ihr künstlerischer Ansatz in Glas
und Licht aber bleibt unverändert: „Ich
reagiere auf das, was schon da ist", sagt
Angelika Weingardt. Für die Chorfenster hat
sie einen Abschluss vorgesehen: Neun Felder des
Mittelfensters und daran anschließend jeweils
drei Felder der Seitenfenster sollen in Rottönen
gefasst werden; aus dem Rot leuchtet zitierend die
Silhouette des Maßwerks, das die Decke schmückt.
Auf der Kanzelseite wird Grün dominieren: als
Entsprechung zum Grün der Bäume um die Kirche.
Auch hier findet sich das Maßwerk als Zitat
wieder, außerdem recken sich zwei abstrakt
wirkende Flächen über das Glas, die sich bei
näherem Hinschauen als Schattenriss-Detail des
Kreuzes entpuppen, das im Kirchenraum steht. Die Grundfarben werden
komplett durch das Blau, das Weingardt für die
Fenster auf der gegenüberliegenden Seite
vorgesehen hat. Der Rest ist offen. Nachdenklich
schaut sie auf die Skizzen und Fotos, die sie
gesammelt und montiert hat: Einen Grundriss, eine
Inschrift, weitere Silhouetten, die ihre
räumliche Entsprechung in der Stadtkirche finden.
Eigentlich muss sie gar nicht mehr aus dem Fenster
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